Offener, zweistufiger Wettbewerb für die künstlerische Gestaltung des Ersatzneubaus Georessourcen der RWTH Aachen, 2. Bauabschnitt, Campus Melaten, Aachen. Entwurf, 2. Auswahlrunde, mit Paul Jonas Petry.

Der Entwurf stellt eine einfache, aber radikale Frage: Welche Materialien finden wir am Standort vor und wie gehen wir damit um? Damit ist er zunächst die Entscheidung für einen Prozess.
„Wie ist die Erde entstanden, wie ist sie aufgebaut, welche Rohstoffe birgt sie und wie kann man diese wertvollen Materialien finden?“[i]
Der Entwurf thematisiert sowohl die architektonisch-ökologische als auch globale Frage: Wie wollen wir mit der Erde umgehen?
„Geowissenschaftlerinnen und Geowissenschaftler untersuchen die Erde und bringen ihr Wissen in den Schutz unserer Natur und einen nachhaltigen Umgang mit den Rohstoffen der Erde ein.“[ii]
Der tatsächliche Aushub, das tatsächliche Material, ist Ausgangspunkt für die Entwicklung von Baustoffen, die nach der Aufbereitung in den Bau einfließen. Das Kunstwerk liegt offensichtlich im Boden.
„Von der Teilchenbewegung bis zum maßgeschneiderten Material reicht das Forschungsfeld der Materialwissenschaften. Sie beschäftigen sich mit der Frage, wie aus den chemischen und physikalischen Eigenschaften der Materie innovative ingenieurwissenschaftliche Lösungen abgeleitet werden können.“[iii]

Die hier vorgeschlagenen Vorhaben basieren auf den Ergebnissen des geotechnischen Berichts[iv] zum Ersatzneubau Georessourcen 2. BA, auf daraus resultierenden Annahmen und Einschätzungen (auch von Fachleuten) sowie ersten Experimenten mit tatsächlichem Material vom Standort und Prognosen, die nach unserem heutigen Wissensstand realistisch erscheinen. Dazu zählen z.Z.:
Boden des Foyers / Gußterrazzo: Es sind größere Mengen Kies unterschiedlicher Korngrößen (siehe Bohrprofile gem. Bericht: B2, B5, B6, B10) zu erwarten, die nach Bemusterung, farblicher Sortierung und Brechung in gewünschter Sieblinie dem Gussterrazzo beigemengt werden können.
Stützen im Foyer / Sichtbeton: Die Auswertung der Bohrprofile weist an vielen Stellen feinsandige Bestandteile (B2, B3, B12, B14) auf, diese können zur Anreicherung des Betons genutzt werden.
Wandflächen im Foyer / Sichtbeton: In einigen Bohrprofilen (u.a. B1, B4) wurde toniger Schluff identifiziert. Dieser kann zusammen mit sandigen Bestandteilen aus dem Aushub unter Zuhilfenahme von (externer) tonigen Bestandteilen zu Lehmstreichputzen verarbeitet werden. Über einem Lehmhaftgrund angebracht, können damit ausgewählte Wandflächen im Foyer gestaltet werden.

Ob sich weitere Einsatz- und Gestaltungsgebiete ergeben, wird die Analytik des Aushubs zeigen, in die die geowissenschaftliche Fachexpertise der RWTH Aachen eingebunden werden soll.
Für die Realisierung des Entwurfsansatzes ist darüber hinaus eine frühzeitige und enge Abstimmung mit den Planenden angezeigt. Dies beinhaltet auch die Klärung kalkulatorischer Details zwischen Kunst am Bau (KG 715) und dem Bauwerk (KG 300) und die Abstimmung spezifischer Aspekte in der Ausführungsplanung, Vergabe und Baustellenlogistik mit den fachlich am Bau Beteiligten.
Aufgrund seines stark prozessualen Charakters gehört eine filmische Dokumentation zum Werk und sollte nach Rücksprache mit dem Nutzer später zusätzlich zu QR-Codes bzw. einer NFC-Plakette im Foyer präsentiert werden.
Der Entwurf greift mehrere aktuelle Fragestellungen auf:
Verbindung von Ressourcen-Verfügbarkeit und Kreislaufdenken mit einer ortsspezifischen Gestaltung, die identitätsstiftend wirkt: Die gestalterische Aufwertung durch vor Ort gewonnene Materialien schafft nicht nur einen funktionalen, sondern auch emotionalen Bezug zum Standort.
Das Hinterfragen des Ressourcenverbrauchs im Bauwesen: Die Weiterverwendung von Aushubmaterial – traditionell als Abfallprodukt behandelt – wird hier als wertvoller Rohstoff begriffen, der durch intelligente Gestaltung und interdisziplinäre Kooperation neues Potenzial entfaltet. So wird das Bauen nicht nur ökologischer, sondern auch kulturell und räumlich bedeutsamer: Die Erde des Ortes bleibt nicht nur physisch, sondern auch symbolisch Teil des Bauwerks.
Nicht zuletzt wird durch die Integration geologischer Spuren in die bauliche Hülle der Forschung selbst ein Resonanzraum gegeben – das Gebäude wird zum lesbaren Speicher seiner eigenen Entstehung, zur sedimentierten Schnittstelle zwischen Ort, Wissenschaft und Öffentlichkeit. Das Projekt hat das Potential, auch neue Reize für die Forschung und Lehre im Bereich der Georessourcen an diesem Standort zu setzen.
Im besten Fall wird am Ende nicht mehr zwischen Architektur und „Kunst und Bau“ unterschieden, sondern das gesamte Projekt „Ersatzneubau“ als ein für diesen Zweck passendes und in besonderer Weise aufgeladenes Raumerlebnis wahrgenommen: Das Haus der Erde.
[i] https://www.rwth-aachen.de/cms/root/studium/Vor-dem-Studium/Studiengaenge/Liste-Aktuelle-Studiengaenge/Studiengangbeschreibung/~bqxx/Angewandte-Geowissenschaften-B-Sc/, zuletzt abgerufen am 17.11.2025, 10:48 Uhr
[ii] Ebd.
[iii] https://www.rwth-aachen.de/cms/root/Studium/Vor-dem-Studium/Studiengaenge/Liste-Aktuelle-Studiengaenge/Studiengangbeschreibung/~blmq/Materialwissenschaften-B-Sc/, zuletzt abgerufen am 17.11.2025, 10:49 Uhr
[iv] Geotechnischer Bericht, Holger Seeberger, Dr. Alexandra Dienst, Ingenieurgesellschaft Quadriga, 23.01.2024