Excavator

(c) Willem-Jan Beeren, Paul Jonas Petry, 2018

Humboldt Forum im Berliner Schloss, Foyer zum Auditorium
Nicht-offener Kunst-am-Bau-Wettbewerb mit vorgeschaltetem offenem Bewerberverfahren, Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung

2. Phase (ohne Realisierung)

Aus der Fläche zwischen den Türen der südlichen Foyerwand ragt der raumgreifende Arm eines Baggers hervor. Von der Stelle seines ,Durchbruchs‘ in leichtem Bogen aufsteigend erreicht er in der Mitte des Raumes beinahe Deckenhöhe, um sich anschließend fast bis zur gegenüberliegenden Wand des Auditoriums zu erstrecken. Die ausladende Installation ist bei der Annäherung von Süden her und über das Treppenhaus im Westen schon von weitem, aber nur in Ausschnitten, sichtbar und lädt so zur näheren Betrachtung ein. Sie übt damit eine faszinierende Wirkung auch auf Besucher*innen des Forums aus, die keine Veranstaltung im Auditorium oder im Multifunktionssaal besuchen. Das Foyer erhält so einen eindrucksvollen und markanten Blickfänger, wobei aufgrund der Höhe der Installation der reibungslose Betrieb bei Veranstaltungen immer gewährt bleibt.

Diese künstlerische Intervention ist mit zahlreichen Doppelcodierungen verbunden: Innen und Außen, Vergangenheit und Zukunft, Abbruch und Aufbruch, Destruktion und Konstruktion, Subversion und Konversion, Spektakel und Menetekel, Besinnung und Erlebnis. Sie kommt damit dem Anspruch des Humboldt Forums entgegen, ,ein Schloss für alle‘ zu sein, ohne dabei beliebig, gefällig oder artifiziell zu werden.

Die Installation des Baggerarmes stellt eine Intervention dar, die nicht nur künstlerisch konnotiert ist, sondern auch Anleihen an politischen oder militärischen Interventionen nimmt. Sie verweist damit auf die spezifische Orts- und Baugeschichte des heutigen Humboldt Forums, die geprägt ist von demonstrativen Zu- und Eingriffen durch die jeweils vorherrschenden politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsträger. Die Installation hebt insbesondere den Gestaltungswillen, die Gestaltungsmacht und die Gestaltungskraft hervor, die dabei zutage traten. Die rhythmische Dynamik und die brachiale Wucht des konsequent designten Baggerarms stehen dabei in einem nur scheinbaren Kontrast zur statischen und fast schon museal anmutenden Präsentation, kommt darin doch zum Ausdruck, dass sich die Illusion der Zähmung, Beherrschung und Steuerung dieses ambivalenten Instruments der De-Konstruktion jederzeit auflösen kann – das Schwert des Damokles lässt grüßen. Eine analoge Spannung evoziert das durchgängige Weiß der Installation, das den Fakt, dass sich der Baggerarm wie die Menschenhand, die seinen Einsatz in Auftrag gibt, schmutzig macht, nicht vergessen lässt, sondern in seiner ostentativen Absenz eher noch betont. Die traditionelle Farbe der Unschuld weist aber auch darauf hin, dass die baulichen Interventionen der Vergangenheit immer getragen waren von der Überzeugung ihrer Autor*innen, damit im Recht und im Reinen zu sein. 

Wenn nun mit dem Baggerarm etwas, was doch ,eigentlich‘ nach draußen gehört, auf diese Weise in das Innere des Humboldt Forums hineinragt, kann damit ein Verständnis für das Andere, für das Latente, Vergessene und Verdrängte geweckt und wachgehalten werden. Es ist aber nicht nur das räumlich, sondern vor allem das zeitlich Andere, das diese Intervention prägt. Mit dem Bagger greift ein Gerät in das fertige Gebäude ein, das eigentlich vor dessen Erstellung und nach dessen Nutzung zum Einsatz kommt, also damit dessen Anfang und Ende vergegenwärtigt. Bagger werden zur Destruktion von Baubestand ebenso benötigt wie zur Vorbereitung der Konstruktion eines neuen Gebäudes, indem sie ihm einen Boden bereiten, der ein solides Fundament ermöglicht.   

Man denkt dabei sicherlich zunächst an die jüngere Geschichte des Ortes und der damit verbundenen Gebäude: an den Abriss des Stadtschlosses nach dessen Sprengung, die Einebnung zu einem Aufmarschplatz, den Aushub für den Bau des Palastes der Republik (wer mag, kann in der lampenähnlichen Anbringung des Baggerarmes auch eine Reminiszenz an ,Erichs Lampenladen‘ erkennen), dessen Detoxikation durch Dekonstruktion und den Aushub für den Bau des Humboldt Forums. Trotz seiner unabweisbar modernen Gestalt fungiert der Bagger aber auch als verlängerter Arm derjenigen Menschen, welche die zahlreichen Um- und Zubauten in früheren Jahrhunderten, vor allem in der Renaissance- und Barockzeit, zu bewerkstelligen hatten. Der historische Verweis der künstlerischen Intervention reicht zurück bis zur ersten Baugrube des Berliner Schlosses, die Kurfürst Friedrich II. – mit dem sprechenden Beinamen „Eisenzahn“ – im 15. Jahrhundert ausheben ließ. Die mögliche Assoziation des ausgestreckten Baggerarms mit einem zubeißenden Tyrannosaurus rex schlägt sogar einen Bogen in die Urgeschichte von Macht und Herrschaft.

(c) Willem-Jan Beeren, Paul Jonas Petry, 2018

Wir haben es aber auch mit einer Brücke in die Zukunft zu tun. Bagger werden – so viel ist sicher – auch an diesem Gebäude wieder zum Einsatz kommen. Das heute Neue wird veralten und weichen müssen. Im Lichte des Baggerarmes erscheint es jetzt schon in seiner Vorläufigkeit, Hinfälligkeit und Zerbrechlichkeit – aber auch in seinem Wandlungs- und Gestaltungspotential. Das Humboldt Forum beherbergt ein Exponat, das es exponiert. In analoger Weise ausgesetzt und doch aufgehoben kann man sich auch als Rezipient*in fühlen – im doppelten Sinn des Wortes gepackt.

Text: Dr. Thomas Schmaus
Entwurf: Willem-Jan Beeren, Paul Jonas Petry
(c) 2018

Weitere Projekte