Räume des Gedenkens

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Wettbewerb zur Kunst im öffentlichen Raum: 
Gedenkstätte für im Dienst ums Leben gekommene Polizeibeamtinnen und -beamte
Einstufiger, eingeladener Realisierungswettbewerb, Saarbrücken 2025

1. Preis (mit Realisierung), mit Dipl.-Ing. LA Ulrike Platz, die3 Landschaftsarchitektur Bonn

Anlass und Motivation

Die Motivation für ein Gedenken in diesem Kontext ist vielschichtig: Sie reicht von der institutionellen Verantwortung des Staates, die Opfer unter seinen Bediensteten zu würdigen, über die kollegiale Verbundenheit innerhalb der Landespolizei bis hin zur persönlichen Betroffenheit und Verarbeitung der Hinterbliebenen. Das Gedenken dient somit nicht allein der Erinnerung, sondern auch der Stärkung von Gemeinschaft, Identität und Fürsorge innerhalb der Organisation.

Um diesen unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden, bietet der Entwurf verschiedene räumliche Ebenen des Erinnerns, die miteinander in Beziehung gesetzt sind. Dabei wird berücksichtigt, dass zentrale Gedenkveranstaltungen mit größerer Teilnehmerzahl (über 100 Personen) nur selten stattfinden – einmal jährlich und zusätzlich anlässlich eines tödlichen Dienstunfalls. Häufiger dagegen sind kollektive, kleinere Formen des Gedenkens (z. B. durch Dienstgruppen mit etwa zehn Personen), etwa zu Jahrestagen oder besonderen Anlässen. Schließlich gibt es das individuelle, persönliche Gedenken von Angehörigen und engen Kolleginnen und Kollegen, das über das Jahr verteilt und häufig spontan geschieht. Diese unterschiedlichen Formen des Erinnerns erfordern eine räumliche Offenheit, die sowohl Rückzug als auch Gemeinschaft ermöglicht.

Neben dem Aspekt des Gedenkens verfolgt der Entwurf das Ziel, die Aufenthaltsqualität des Außenraums der Landespolizeidirektion nachhaltig zu verbessern. Denn die meiste Zeit wird dieser Ort nicht für formelle Gedenkveranstaltungen genutzt werden, sondern ist Teil des alltäglichen Arbeitsumfelds der Polizeibeschäftigten. Daher verbindet der Entwurf landschaftsarchitektonische Elemente (Natur-Raum) mit einer skulptural-architektonischen Setzung (Gedenk-Raum).

Diese Verschränkung ermöglicht ein vielschichtiges Erleben: Der jahreszeitliche Wandel von Wachsen und Vergehen wird Teil der Gedenkkultur – ein lebendiger Prozess, der Vergänglichkeit und Erneuerung zugleich erfahrbar macht. Das Erleben von Natur kann so Trost spenden, Verbundenheit stiften und den Gedanken des Gedenkens mit dem des Weiterlebens verbinden.

Der Gedenkort ist sensibel in die Außenanlagen der Landespolizeidirektion eingebettet. Diese sind derzeit geprägt von hoher Gebäudedichte, versiegelten Flächen und funktionalen Verkehrswegen. Zwei prägende Bestandsbäume und eine bestehende Hecke bilden einen wohltuenden Kontrast und werden in das Konzept integriert und weiterentwickelt. Der Entwurf greift diese vorhandenen Qualitäten auf und erweitert sie zu einem grünen Rückzugs- und Erinnerungsraum, der zugleich das ökologische Gleichgewicht stärkt.

Angesichts zunehmender urbaner Aufheizung, mangelnder Verschattung und des Verlusts von Biodiversität verbindet der Entwurf das Gedenken an die Verstorbenen mit der Verantwortung für die Lebenden. Er schafft nicht nur einen Ort der Erinnerung, sondern auch einen Ort der Regeneration – einen Raum, der sowohl Schutz als auch Inspiration bietet und innerhalb des polizeilichen Alltags einen Moment der Ruhe, des Nachdenkens und des Innehaltens ermöglicht.

Vom Ort zum Raum

Der Platz: Um eine Großzügigkeit des Ortes zu erreichen und auch für große Menschengruppen (>100 Personen) erschlossen werden zu können, soll die gesamte Fläche (inkl. der nicht zum eigentlichen Wettbewerbsgelände gehörende westlich gelegene Fläche in Richtung Fitnessraum / Präsidium) mit einer wassergebundenen Decke versehen werden. Diese soll auch bis an den eingeschossigen Vorbau des Gebäude A herangeführt werden. In diese Fläche sind einreihige Pflaster (Britter Sandstein) in Kreisbogen-Segmenten eingelegt. Sie greifen die Form des Gedenkraumes auf und vergrößern seinen Wirkungskreis.

Die Rahmung: Die bestehende Hecke wird, wo nötig, ertüchtigt und soll auf eine Höhe von ca. 1,60 weiterwachsen. Die Heckenreihe im westlichen Bereich soll versetzt oder entfernt, die straßenbegleitende Hecke auf der Südseite nach Westen verlängert werden. Vor den eingeschossigen Gebäudeteil A werden vier Massivholz-Bänke mit schmalen Pflanzstreifen mit Ziergras platziert. Die Fläche bleibt damit vom Gebäude aus zugänglich und bietet den dort Beschäftigten auch eine Sitzgelegenheit, die Bänke und das Ziergras markieren aber einen erlebbaren Übergang in den Gedenk-Bereich.

Der Natur-Raum: Entlang der Pflasterstreifen werden Amberbäume in lockerer Anordnung gepflanzt. Die Kronen bilden ein halb-offenes Baumdach, es entsteht ein begehbarer Natur-Raum. Der Amberbaum ist laubabwerfend; im Herbst färben sich die Blätter leuchtend gelb und dann orange bis rot und erzeugen einen besonderen Anblick. Aufgrund seiner Widerstandsfähigkeit gegen Hitze und Trockenheit wird der Amberbaum zunehmend in zentraleuropäischen Breitengraden als Straßen- und Parkgehölz eingesetzt. 

Der Gedenk-Raum: In einer Lichtung des Baumdaches steht eine zweiteilige begehbare Skulptur aus kreisförmig angeordneten Lärchen-Pfosten. Das innere Kreissegment (Raum der Stille) bietet eine Sitzgelegenheit, die auch als temporäre Ablage im Rahmen von offiziellen Veranstaltungen genutzt werden kann. Auf der Außenseite des inneren Kreissegmentes ist Platz zur Anbringung von Gedenktafeln aus Kupferplatten. 

Konstellationen des Gedenkens

Für Viele: Die Großzügigkeit und Materialität der Platzgestaltung ermöglicht die barrierefreie Versammlung von über hundert Menschen. Diese können sich in Richtung Raumskulptur aufstellen und einer Ansprache vor den Gedenktafeln beiwohnen. Anschließend können einem Defilee gleich Menschen am Raum der Stille vorbeischreiten. In diesem Raum der Stille können für die Dauer der Gedenkveranstaltung z.B. ein Portrait des Verstorbenen aufgehängt, Blumen und Kränze auf der Bank abgelegt und in der Mitte des Raumes ein Kerzenständer aufgestellt werden. Die Bänke auf der Nordseite der Gedenkstätte bieten Platz für ca. 16 Personen.

Für Einige: Kolleg*innen aus einer Dienstgruppe können sich vor dem Gedenkraum versammeln und einzeln oder in kleinen Gruppen hineintreten. Alternativ kann sich eine Gruppe im Raum der Stille aufhalten. Die innere Bank bietet Platz für bis zu 10 Personen. Einzelne können stehend den Kreis schließen und z.B. eine kleine Ansprache halten. 

Für Einzelne: Angehörige oder einzelne Kolleg*innen haben jederzeit die Möglichkeit, im Raum der Stille Platz zu finden und in einem Moment der inneren Andacht zu verharren. Die kreisförmig gefächerte Holzlamellenkonstruktion erlaubt einen gewissen Sichtschutz, ohne vollständig abgeschlossen zu sein. Die nach oben offene Raumkonstruktion eröffnet einen Blick in den Baumbestand und den Himmel.

Für den Alltag: Nach zentralen oder anlassbezogenen Gedenkveranstaltungen kehrt auch an diesem Ort ein Alltag ein. Für diesen Alltag bietet der Ort allgemeine Aufenthaltsplätze und -räume: Zum Verweilen, Nachdenken, Entspannen, für Austausch und Begegnung. Dies kann im Gedenken an die Verstorbenen erfolgen, muss es aber nicht. Der Schwere und Tragik des eigentlichen Anlasses werden eine natürliche Leichtigkeit und einladende Offenheit entgegengesetzt. Die Hoffnung ist, dass der Ort durch diese niedrigschwellige Einbettung im Alltag seine eigentliche Funktion trotzdem erfüllt: Eine dauerhafte Würdigung der im Dienst Verstorbenen. 

Symbolische Anteilnahme

Gedenktafel: Für die Verstorbenen wird je eine eigene Kupfer-Tafel hergestellt und in einem umlaufenden Band an die Außenwand des Raumes der Stille angebracht. An mittiger Stelle im umlaufenden Band wird eine Tafel mit Symbol und allgemeiner Würdigung angebracht für diejenigen, deren Identität nicht mehr festgestellt werden konnte.

Kranz / Blumen: Für zentrale Gedenkfeiern können Kränze unterhalb der Tafeln aufgehängt (mittels demontierbarer Befestigungsmöglichkeiten) oder direkt an den Gedenkraum angelehnt werden. Kränze verbleiben i.d.R. nicht dauerhaft am Ort, daher wird eine reversible Lösung angeboten. Die Bank im Raum der Stille kann im Rahmen von Veranstaltungen als weitere Ablagefläche für Blumen und Andenken genutzt werden. Da auch diese nicht dauerhaft am Ort verbleiben, wird die Bank im Alltag wieder frei für eine individuelle Nutzung. 

Materialkonzept und Konstruktion

Materialkonzept: Die Materialwahl reflektiert den Entwurfsansatz als Verschränkung natürlicher und künstlerischer Elemente und unterstützt das Motiv von beständigem Wandel und Veränderung. Die Lärchen-Holzkonstruktion bildet mit der Zeit ebenso eine schützende Patina wie die Kupfer-Gedenktafeln. Die Laubfärbung des Baumdaches unterstreicht diesen Eindruck.

Konstruktion: Der zweiteilige Gedenkraum besteht aus einer Lärchen-Holzkonstruktion. Diese ist in eine Stahlblech-Unterkonstruktion eingespannt. Die beiden Holzkonstruktionen sind an ihrer jeweils höchsten Stelle ca. 5m hoch und fallen zum Rand hin auf ca. 4m ab. Der Durchmesser des inneren Kreises beträgt ca. 3m, der des äußeren Kreises ca. 6m.

Beleuchtung: Der Gedenkraum wird über Bodeneinbauleuchten punktuell von unten angestrahlt. Darüber hinaus sind Bodeneinbauleuchten auch im Bereich des Baumdaches geplant. 

Stand Entwurf (Dez. 2025)